Das Schöne an Twitter ist, dass man auf den ersten Blick erkennt, wer etwas mag und wer nicht: Empfohlen wird meist nur, was gefällt. Beim Artikel von Heribert Prantl über das Leistungsschutzrecht muss die Freude bei Google groß gewesen sein: Per Twitter-Feuerwerk schickte Google das Werk am Samstag auf die Reise. Das kann nicht verwundern: Google möchte so lange wie möglich nichts für seine Inhalte bezahlen. Da kam der kritische Beitrag wie gerufen. Googles Umsatz in Deutschland dürfte knapp drei Milliarden Euro betragen, der Gewinn knapp zwei Milliarden (grob geschätzte Zahlen, da keine Daten zu Deutschland veröffentlicht werden). Es gibt also viel zu verteidigen. Hier eine Sammlung der Google-Promotion-Tweets:
Den Reigen eröffnete Google-Sprecher Kay Oberbeck früh am Samstagmorgen. Er war offenbar sehr früh aufgestanden und hatte den Artikel weit hinten im Blatt sofort entdeckt:
Prantl/SZ: Der beste Leistungsschutz für Zeitungsverleger ist ein guter Urheberschutz für Autoren. #LSR
— Kay Oberbeck (@KayOberbeck) Juni 2, 2012
Zwei Minuten später folgte ein zweiter Tweet:
Prantl/SZ: Wer die Informationsfreiheit verteidigen will, darf das Leistungsschutzrecht ablehnen. #LSR
— Kay Oberbeck (@KayOberbeck) Juni 2, 2012
Nun schaltete sich das Google-Netzwerk ein. Philipp Otto arbeitet gleich an mehreren Stellen für Google. Er ist Policy-Chef bei IGEL, der von Google finanzierten Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht, sowie Manager beim Google Collaboratory. Sein Tweet schmeichelte Prantl:
Feinsinnig, hintersinnig und kritisch. #Prantl in der @sueddeutsche heute zum #Leistungsschutzrecht #endlich #danke
— Philipp Otto (@PhilippOtto) Juni 2, 2012
Dann retweetete irgendjemand bei IGEL den Otto-Schmeichel-Tweet:
RT @PhilippOtto: Feinsinnig, hintersinnig und kritisch. #Prantl in der @sueddeutsche heute zum #Leistungsschutzrecht #endlich #danke
— I.G.E.L. (@LSRinfo) Juni 2, 2012
Auch mit eigenen Stellungnahmen meldete sich IGEL per Twitter zu Wort:
Prantl macht heute in der SZ deutlich, warum man Autorenrechte stärken, und ein #Leistungsschutzrecht ablehnen muss. #LSR #Leseempfehlung
— I.G.E.L. (@LSRinfo) Juni 2, 2012
#Leistungsschutzrecht aussichtslos und verzichtbar – Prantl in der @SZ jetzt online sueddeutsche.de/digital/leistu…
— I.G.E.L. (@LSRinfo) Juni 3, 2012
Zu Wort meldete sich nun auch Axel Wallrabenstein, dessen Agentur MSLGroup Google professionell bei der politischen Kommunikation berät und tatkräftig unterstützt – mit vollem Einsatz auch bei Twitter. Auch er war des Lobes voll für Heribert Prantl:
@lsrinfo – prantl traut sich was. #sz #lsr
— axel wallrabenstein (@walli5) Juni 2, 2012
Weitere Werbebotschaften folgten:
Leistungsschutzrecht vs. Urheberrecht – Der Igel frisst keine Artikel – Digital – sueddeutsche.de sueddeutsche.de/digital/leistu… via @SZ
— axel wallrabenstein (@walli5) Juni 4, 2012
Weil der Text zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Netz stand, drängte Wallrabenstein die SZ-Redaktion zur Eile:
@sz_politik gibt es den beitrag von heribert prantl zum #LSR auch hier? wir warten!
— axel wallrabenstein (@walli5) Juni 2, 2012
Wenig später konnte IGEL den Erfolg vermelden – die SZ hatte den Text online gestellt:
#Leistungsschutzrecht aussichtslos und verzichtbar – Prantl in der @SZ jetzt online sueddeutsche.de/digital/leistu…
— I.G.E.L. (@LSRinfo) Juni 3, 2012
Axel Wallrabenstein retweetete sofort. In dieser Sache schickte er alles an seine Follower, was von IGEL kam. Vermutlich hat die MSLGroup gar keinen PR-Auftrag von IGEL, sondern erledigt das im Rahmen des Google-Mandats gleich mit. IGEL und Google sind ja ohnehin fast identisch.
Wallrabenstein retweetete am Sonntag Abend sogar Philipp Ottos Tweet mit einem vergifteten Kompliment für die beiden Tatort-Autoren, deren Film wiederholt wurde. Lieber die Google-Leute einmal zuviel weiterleiten als einmal zu wenig, mag Wallrabenstein sich gedacht haben:
Statt neuer #Tatort, Glückwunsch an #Drehbuchautoren Wilfried Huismann u Dagmar Gabler zum Wiederholungshonorar! #Urheberrecht#smile
— Philipp Otto (@PhilippOtto) Juni 3, 2012
(Übrigens hat das Wiederholungshonorar bei Fernsehfilmen wenig mit dem Urheberrecht zu tun. Es sind Bedingungen eines normalen zivilrechtlichen Vertrags, den die Parteien miteinander aushandeln. Für die Erstausstrahlung bekommen Drehbuchautoren nicht viel Geld, wenn man die Arbeit bedenkt, die sie zu leisten haben. Dafür werden sie für Folgeausstrahlungen noch einmal honoriert. Lieber wäre es den meisten, sie würden mehr Geld gleich am Anfang bekommen. Der Hashtag „Urheberrecht“ ist fehl am Platze.)
Zurück zur politischen Kommunikation, die ja auch erledigt werden muss. Am Montag stieg Axel Wallrabenstein in die Diskussion mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Manuel Höferlin zur Verwertungsgesellschaftspflicht eines Leistungsschutzrechts ein:
is.gd/hGnKMY — Manuel Höferlin: Eine Verwertungsgesellschaft fürs Leistungsschutzrecht wäre nicht sinnvoll #LSR
— axel wallrabenstein (@walli5) Juni 4, 2012
Warum dieser Tweet? Richtig geraten: Google-Ableger IGEL hatte gerade ein Interview mit Manuel Höferlin veröffentlicht:
.@ManuelHoeferlin im IGEL-Interview zum #Leistungsschutzrecht: Unterlassungsanspruch wäre sinnvoll, mehr aber nicht. leistungsschutzrecht.info/stimmen-zum-ls…
— I.G.E.L. (@LSRinfo) Juni 4, 2012
Was ist von all dem zu halten? Man darf amüsiert sein. Auch meine Verlagskollegen und ich twittern, um uns und und unseren Anliegen Gehör zu verschaffen. Bei uns steht allerdings überall „Verlag“ drauf, wo „Verlag“ drin ist. Verkleidete Nebendarsteller gibt es nicht.
Bei dieser Gelegenheit noch einmal die Frage: Mit wie viel Geld unterstützt Google IGEL? Seit mehr als einem Jahr verweigern IGEL und Google darüber die Auskunft.
Twittern
André Gewert
“Per Twitter-Feuerwerk schickte Google das Werk am Samstag auf die Reise.”
Sie sollten sich von der Vorstellung lösen, dass alle, die nicht Ihrer Meinung sind (und das sind eine Menge), direkt oder indirekt von Google finanziert werden.
Flo Diehl
Überall gibts Lobbys…aber immer nur im Parterre.
Dürfen Lobbyisten eigentlich Aufzüge benutzen?
Juliane Böckler
Es gibt also nicht nur bei Verlagen Lobbyisten, sondern auch bei Google?
Ich bin schockiert.
stefan niggemeier
Ihre Selbstblindheit nimmt wirklich beunruhigende Züge an. Darf ich nochmal an Jan Hegemann erinnern?
Der in der “Welt” als scheinbar unabhängiger Experte präsentiert wurde… http://www.welt.de/wams_print/article3711095/Die-wichtigsten-zehn-Fragen-zum-Urheberrecht.html
…obwohl er für Sie arbeitet? http://www.message-online.com/94/spielkamp.html
Und angesichts dessen sehen Sie sich wirklich in einer Position zu schreiben: “Verkleidete Nebendarsteller gibt es nicht”? Oder gilt das nur für Twitter, aber nicht für die Publikationen der Axel Springer AG?
Flo Diehl
menno, wo is der flattr-Button wenn man ihn braucht
(thx für die Links btw)
Christoph Keese
Gern!
Kay Oberbeck
Danke, Christoph, für das aufmerksame folgen meiner Tweets. Du hast vergessen, Deine Tweets zur Kritik des Prantl-Textes hinzuzufügen und die von Dietrich von Klaeden und den anderen LSR-Befürwortern, denen der Text nicht ins Konzept passt – das würde das Bild komplettieren. Das Gute an dieser Diskussion ist doch: Das Leistungsschutzrecht wird noch nicht einmal aus dem Lager der Verlage & Redakteure ganzheitlich getragen. Von der Politik ganz zu schweigen. Danke, dass Du das hier auf Deinem Blog auch noch einmal klarstellst mit den Hinweisen zum Prantl-Artikel.