Jupp Darchinger, Fotochronist der Bonner Republik, ist tot



(von Edgar Bauer, dpa) Stilprägend und herausragend wie kein anderer hat Josef («Jupp») Heinrich Darchinger die Bonner Republik mit seiner Kamera abgebildet. Er galt als Institution, immer angetrieben von einer sich selbst auferlegten Chronistenpflicht. Staatsbesuche, Auslandsreisen, Parteitage – wo andere Fotografen hinwollten, stand er meist schon. Sein Ziel waren keine steifen Handshake-Bilder, sondern situative, aussagekräftige Aufnahmen. Auch das berühmte Foto von Ex-Kanzler Willy Brandt mit dem DDR-Spion Günter Guillaume am Ohr stammt von Darchinger. Solche Aufnahmen werden auch nach seinem Tod haften bleiben. Darchinger starb am vergangenen Sonntag im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Bonn.

Darchinger war immer dicht an den Politikern, aber stets auch um Distanz bemüht. Ein Fotograf müsse immer Abstand wahren, dann sehe er mehr, war sein Motto. Viele Politiker kannte er über Jahrzehnte, und sie öffneten für ihn auch ihre Privaträume.

Für Porträts ließen sie ihn gewähren, auch weil sie wussten, dass er sie nicht vorführen wollte. «Ich habe nie jemanden bloßgestellt», hatte er einmal der dpa gesagt. Beim Porträt sei er «ein schrecklicher Diktator», meinte er 2010 in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». «Wer sich nicht in meine Obhut begeben wollte, der war nicht mein Mann oder meine Frau.»

Es ging ihm um den Menschen hinter der Fassade. Dafür rückte er sich kurzerhand auch schon mal Persönlichkeiten zurecht. Vom Schah von Persien forderte er: «Majestät, mehr Zähne bitte.»

«Das Auge von Bonn» nannte ihn das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel», für das der Rheinländer unter anderem tätig war und über die Jahre rund 10.000 Aufnahmen beisteuerte.

Unvergessene private Bilder schoss er insbesondere von den SPD-Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Er hielt fest, als Rut Brandt ihrem Mann für den Bundespresseball 1967 die weiße Smokingfliege am Hals zurechtrückte. Auch als der damalige sowjetische Parteichef Leonid Breschnew 1973 innig die Hand von Rut Brandt küsste, drückte Darchinger auf den Auslöser.

Von Helmut Schmidt allein hat er fast 40 000 Bilder gemacht. Dazu gehören auch Aufnahmen von Schmidt in seinem Ferienhaus am Brahmsee und beim Segeln. Ein exklusives Bild gelang ihm, als der damalige DDR-Staatschef Erich Honecker im Dezember 1981 vom Bahnsteig in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) Schmidt ans Zugfenster noch ein Hustenbonbon zum Abschied reichte.

Der 1925 in Bonn geborene Darchinger war Autodidakt und nannte sich selbst «Fotojournalist», eine eigene Wortschöpfung für das Finanzamt. Seine erste Kamera, eine gebrauchte Leica IIIc, hatte er einem Kriegsberichterstatter der Wehrmacht abgekauft.

Sein umfangreiches Werk übergab Darchinger dem Archiv der sozialen Demokratie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Das Archiv umfasst rund 1,6 Millionen Negative, rund 60.000 Positive und 30.000 Dias.

Mit dem Regierungsumzug nach Berlin 1999 zog sich Darchinger allmählich aus der aktuellen Arbeit weitgehend zurück. Seine beiden Söhne Frank und Marc sind ihm im Beruf und in eine neue digitale Welt gefolgt.



 

10 Kommentare

 
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