Selbstverleger und Schreckensmänner bei der Re:Publica in Berlin



Heute hat die Internetmesse Re:Publica begonnen. Sie ist wegen der großen Nachfrage umgezogen und findet jetzt in der Station, einem ehemaligen Postbahnhof am Berliner Gleisdreieck statt. Leider konnte ich mir heute nur zwei Diskussionen anhören, die aber haben sich gelohnt. Es ging um die Fragen: Lohnt sich elektronischer Selbstverlag? Antwort: Ja, als Investition in die Zukunft, aber leben kann man davon noch nicht. Und: Ist Anonymous legitimer Protest oder purer Vandalismus? Antwort: Unentschieden – die Szene durchlebt ihre Gewalt-Diskussion. Eine kurze Zusammenfassung der beiden Podien:

Lohnt sich Selbstverlag mit eBooks?

Johnny Haeusler vom Blog Spreeblick moderierte das Podium zum Pro- und Contra des Selbstverlegens. Er ist ein guter Moderator, der Podium und Publikum eng am Thema zu halten versteht. Auf der Tribüne saßen Ulrike Langer, Leander Wattig, Wolfgang Tischer, Nicole Sowade und Sebastian Poth. Von Anfang an herrschte Konsens, dass Autoren Geld für ihre Arbeit bekommen sollten, sich ihre Leser und Märkte aber erarbeiten müssen.

Piraten-Argumente nach dem Muster „Schreibt gratis. Ihr seid nur der Filter für den Weltgeist“ kamen nicht vor. Auch das Wort „Kulturflatrate“ nahm niemand in den Mund. Keinerlei Protest gegen die Content-Industrie, stattdessen allenthalben der Wunsch, auch mal einen opulenten Vorschuss von einem traditionellen Verlag zu ergattern. Es ging um die Kunst die Schreibens, das Erreichen von Zielgruppen, das Begeistern von Lesern – also um gutes Handwerk. Ein Zuhörer aus dem Publikum hob sogar zum Lob des Lektors an, und selbst die, die als Selbstverleger keinen Lektor haben, gestanden dem (guten) Lektor eine wichtige Rolle zu. Eine Rolle, die sie sich bemühen, selbst wahrzunehmen.

Klassischer Verlag und Selbstverlag stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern können sich gut ergänzen – das war Konsens. Oft verlangten klassische Verlage geradezu danach, dass Autoren sich um den Aufbau einer eigenen Gemeinde bemühten, als Ergänzung zu Lesungen und Messeauftritten. Umgekehrt erhöht das Verlegen eigener eBooks die Chancen, einen klassischen Verlag zu finden.

Sehr interessant ist der eBook-Ratgeber, den Podiumsteilnehmer Wolfgang Tischer mit seiner Site Literaturcafé aufgebaut hat. Hier findet man eine Menge Zahlen und Fakten zu den Verdienstmöglichkeiten.

Kurzum: Ein kluge, sachliche, informative Runde vor vollgepackter großer Halle.

Wie legitim ist Anonymous?

Ideologischer wurde es bei der Diskussion über „Anonymous“. Hacker und Fotograf Jacob Appelbaum verteidigte Attacken auf Webseiten mit dem Argument „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Seine These: Illegale Angriffe können legitim sein, sofern die angegriffene Seite ihrerseits irgendeine Form von empfundener Gewalt ausübt.

Frank Rieger vom Chaos Computer Club nahm eine gemäßigtere Haltung ein: Er bezeichnete Netzattacken als kontraproduktiv, da sie nichts brächten und es nicht die Aufgabe von Hackern sei, Kommunikation zu verhindern. Aber auch er räumte ein, dass es Zwecke gebe, die das Mittel heiligten, also Seiten, die so von Übel sind, dass ihr Lahmlegen legitim sei.

In dieser Debatte klangen Motive an, die wir aus den Diskussionen um friedlichen oder gewaltvollen Protest aus vergangenen Jahrzehnten kennen. Und die Apologeten der Sachbeschädigung ließen genau jene Fragen unbeantwortet, die seit jeher von der Gewaltfraktion unbeantwortet geblieben sind und bisher noch immer zu ihrem moralischen Bankrott geführt haben: Wer entscheidet, was Gut und Böse ist? Wird der Angegriffene vor der Vollstreckung des Urteils gehört? Kann er sich verteidigen? Sind Ankläger und Richter eine Person? Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer und illegitimer Gewalt? Ist Gewalt gegen Sachen erlaubt und nur Gewalt gegen Menschen unmoralisch? Und was geschieht, wenn der Angegriffene sein Fehlverhalten weiter steigert – wird dann auch irgendwann Gewalt gegen Menschen legitim?

Es hat seinen guten Grund, dass demokratische Verfassungen Selbstjustiz verbieten, dem Staat ein Gewaltmonopol verleihen und Straftaten unabhängig von ihrer politischen Motivation verfolgen. Die zivile Gesellschaft beruht darauf, dass man mit zivilen Mitteln gegen Dinge kämpft, die einem zuwider sind. Sonst züchtet man Jakobiner schneller als man denkt. Das Recht auf gewalttätigen Widerstand wird aus gutem Grund auf sehr wenige sehr extreme Ausnahmefälle eingeschränkt.

„Anonymous“ wird auf Dauer weniger erreichen als kluge, gut geschriebene Kommentare. Es gewinnt auf Dauer immer das bessere Argument, niemals der gewalttätige Protest. Der Saal der Re:Publica schien sich darin allerdings nicht so sicher zu sein. Jacob Appelbaum bekam viel Applaus. Flirtet die Netzbewegung mit den Irrtümern früherer Bewegungen?



 

17 Kommentare

 
  1. (Pingback)

    [...] Ex-Chefredakteur der Welt am Sonntag und Cheflobbyisten für Leistungsschutzrecht Christoph Keese, dabei war genau dieser unter den Besuchern, was Keese auch selbst in den Taz-Kommentaren richtig [...]

    re:publica 2012 revisited | Blogabdruck

    2. Juni 2012

     
  2. Christoph Keese

    Ich habe damit die Debatte auf der Re:Publica zusammen gefasst. Kritik bitte dorthin richten.

     
     
  3. “Von Anfang an herrschte Konsens, dass Autoren Geld für ihre Arbeit bekommen sollten, sich ihre Leser und Märkte aber erarbeiten müssen.”

    Schöne Herausstellung. Ganz im Sinn der Unternehmenspolitik.

    Wer solche Gesetze macht, unterstützt oder gutheißt, darf sich nicht beklagen. Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten – Land Of The Free.

     
     
  4. lab

    Du hättest mMn. von Widerstand, aber überhaupt nicht von Gewalt im Zusammenhang mit Anonymisierung sprechen sollen.

    Widerstand != Gewalt!

    Wir sollten sehr aufpassen, nicht legitime Maßnahmen zum Widerstand oder Selbstschutz mit eher zweifelhaften DIngen wie DDS-Attacken in einen Topf zu werfen.

    Das war schon immer das Prinzip der Keeses und Co: Anonymous, Hacker, Netzgemeinde – alles eine gewalttätige (“irgendwann auch gegen Personen?”) Truppe. Klar, dass da härtere Gesetze her müssen…

    Was in seinem Bericht auch fehlt ist der Hinweis auf die Bewertung der Anonymität als Schutz vor – auch in westlichen Staaten – staatlicher oder privatwirtschaftlicher Repression.

    Das wurde i.ü. aus den bei HBGary entwendeten Dokumenten auch deutlich: dass sich Staat und andere “Kunden” dieser Firma im Zweifel nicht auf “bessere Argumente” verlassen, sondern ihren Kritikern mit Vernichtung ihrer Existenz drohen…

     
     
    • Christoph Keese

      Gegen Anonymität habe ich doch gar nichts gesagt. Gesprochen habe ich von Lahmleg-Attacken. Und die stellen zweifellos Gewalt dar.

       
       
    • Ich drehe mal den Spieß um. Wir sind uns einig, dass aus der Sicht des mündigen Users Anonymität ein Nutzbares und legitimes Recht ist. Wie sieht es nun aus Sicht des Staates aus? Werde ich, wenn ich mich anonym durchs Netz bewege, eher als potentieller Angreifer aufgefasst, nur aufgrund der Tatsache dass ich mich nicht durchsuchbar mache?

      Wenn staatliche Institutionen die Regeln ändern, mag sich am Nutzerverhalten nichts geändert haben, jedoch die Auffassung dessen was der Nutzer darf hat sich geändert.

       
       
  5. Ach ja, übrigens sagt Herr Appelbaum in seinem Beitrag bei Democracynow genau das gleiche, also er ruft zu passivem Widerstand durch Anonymisierung auf.

    Insofern hat Herr Keese mal wieder etwas übertrieben, um seine (durchaus legitime Argumentation) nach Hause zu fahren.

     
     
    • Christoph Keese

      Diesen Beitrag habe ich noch nicht gelesen. Werde ich nachholen. Bezogen habe ich mir nur auf das, was er gestern bei der Re:Publica gesagt hat.

       
       
  6. lab

    @Flo
    was um Himmelswillen ist denn an Anonymisierung Gewalt (auch indirekte)??

    Ansonsten habe ich den Vortrag auch gehört und einen etwas anderen Eindruck mitgenommen. Zunächst habe ich von dem “Motto” “Macht kaputt, was euch kaputt macht” nichts gehört – kann ich aber auch überhört haben…
    Was Frank Rieger von CCC als legitim bezeichnet hat, waren nicht etwas DDS-Attacken (“lahmlegen”), sondern den Hack bei der US-amerikanischen “Sicherheits”-Firma HBGary, der so einiges Peinliches über die Firma und ihre Methoden ans Tageslicht brachte, das nur deswegen (in der USA) nicht illegal ist, weil es im Auftrag der Regierung geschieht…
    Gerade der CCC – von der “Netzbewegung” gar nicht zu reden – grenzt sich sehr deutlich gegen destruktive Taktiken ab, weil sie – Sperrungen, Blockaden und Zensur – “zum Arsenal des Gegners” gehören. Stattdessen betrachten die Hacker ihre Arbeit als konstruktiv und aufklärerisch – in bester Tradition des (klassischen) Journalismus.

     
     
    • sorry, my bad. Herrn Keeses Schrieb hat suggeriert, dass Herr Appelbaum ein militanter Anonymous-ler ist, der gerne mal Server hackt und kaputtschiesst.
      Ich kenner Herrn Appelbaum aus dem verlinkten Beitrag auf democracynow, als jemand der TOR entwickelt hat. Deshalb sehe ich ihn primär als Verfechter des anonymisierten Surfens und Kommunikation im Internet (ich bin auch der Meinung, dass TOR den Menschen in totalitären Staaten wesentlich mehr nützt, als Twitter, obwohl Letzteres ständig in den Nachrichten ist).

      ich hätte “indirekte Gewalt” wohl besser mit passiver Gewalt ersetzten sollen. Denn das Anonymisieren von von mir verfassten Inhalten dient natürlich primär dazu Geheimdienstaktivitäten von mir abzuwehren. Insofern würde ich es schon als eine Art des Widerstandes gegen das System werten; das liegt aber nicht in der Natur der Anonymisierung, oder daran dass ich etwas zu verbergen hätte, sondern schlichtweg daran, dass es noch nicht mainstream ist, sich über Privatsphäre im Netz Gedanken zu machen.
      Wenn 90% der Menschen verschlüsselte Emails senden und über IP-scrambler surfen würden, wäre es völlig normal, und die Geheimdienstler müssten sich was anderes überlegen.

       
       
    • Christoph Keese

      CCC / Frank Rieger: Differenzierung verstanden! Danke für den Hinweis. Ist nachvollziehbar. Allerdings ist ein Hack noch immer etwas anderes als klassischer Journalismus – der kommt ohne Sachbeschädigung aus. Der CCC, ganz besonders Frank Rieger, haben gesellschaftlich inzwischen deswegen ein solches Gewicht, bekommen Gehör geschenkt und bewegen viel, weil sie viel wissen und klug argumentieren, nicht weil sie am besten hacken.

       
       
      • lab

        Hack != Sachbeschädigung

        Wenn ich das Passwort eines Rechners errate oder durch eine schlechte gewartete Software die Datenbank auslesen kann und durch schlecht gewählte Passwörter diese zurückrechnen kann und damit dann Zugriff auf ein Netz erlange und darauf Emails kopiere ist das keine Sachbeschädigung.

        Im übrigen meine ich mich zu erinnern, dass es im klassischen Journalismus – zumindest bei einigen Medien, die Technik des “Witwenschüttelns” gab/gibt. Das ist “social hacking” – allerdings nicht mit aufklärerischem Hintergrund…

         
         
  7. Grunsätzlich stimme ich ihnen zu, was Anonymous angeht. Ich bitte Sie jedoch dieses Video/artikel zu schauen/lesen:

    http://www.democracynow.org/2012/4/26/targeted_hacker_jacob_appelbaum_on_cispa

    die sache in den USA ist doch etwas anders als im beschaulichen Deutschland. Dort wird auf ganz andere Art und Weise gegen die Bürger vorgegangen; und ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen totalitäre Instanzen, wie die NSA und den DHS mit digitaler Gewalt vorgehen sollte, wobei ich denke dass die indirekte Gewalt, durch TOR und Anonymisierung am effektivsten ist.

    Bitte versetzten sie sich in Appelbaums Lage, und überlegen sie sich wie sie auf konstante Überwachung und Traktierung durch “Sicherheitsdienste” reagieren würden.

     
     
    • Christoph Keese

      Danke für den Link. Natürlich ist Protest legitim. Für unmoralisch und in der Sache kontraproduktiv halte ich aber Protest in der Form von Gewalt. Es gibt tausend andere Möglichkeiten, wie man seinem Anliegen Gehör verschaffen. Selbstjustiz führt ins Nichts, da sie Ankläger, Richter und Vollstrecker in einer Person zusammen fasst und somit ungerecht ist. Ungerechter Protest unterscheidet sich nicht mehr prinzipiell von der ungerechten Tat. Protest ist immer dann erfolgreich, wenn er moralisch überlegen ist. Moralisch überlegen kann er aber nicht sein, wenn er sich mit dem Kritisierten gemein macht. Deswegen sollte man Unrecht nie mit seinen eigenen Mitteln bekämpfen.

       
       

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