Seit einigen Tagen höre ich Musik mit einem Spotify-Premium-Abonnement und einer WiFi-Musik-Streaming-Anlage von Sonos. Hier erste Beobachtungen des Selbstversuchs, zusammengefasst in fünf Thesen:
Erstens: Spotify bedroht iTunes
Noch nie war ich so selten bei iTunes wie in den vergangenen Tagen. Spotify liefert fast alles, was ich hören möchte, und zwar mit ziemlich ausgereifter Technik. Der Übergang von Streaming zu Speicherung ist so nahtlos organisiert, dass man ihn kaum mitbekommt. Was man auf die Playlist setzt oder als Favorit auszeichnet, wird unmerklich im Hintergrund geladen und steht beim nächsten Flug oder im Zug offline zur Verfügung.
Selbst bei der Ton-Auflösung „Extrem“ fällt der Download im Hintergrund über 3G oder WiFi nicht auf, weder durch ungebührlichen Batterieverbrauch noch durch Bandbreitenverlust für andere Anwendungen. Man kann das Synchronisieren aber auch auf WiFi-Verbindung beschränken, um 2G/3G nicht zu überlasten. Sogar beim Streaming bekommt Spotify es irgendwie hin, den Song beim Einfahren in eine Tiefgarage weiter laufen zu lassen, selbst wenn dort kein 3G-Verstärker angebracht ist.
Manchmal unterbricht das Streaming zwar kurz, wahrscheinlich weil die aktuelle Mobilzelle gerade überlastet ist, aber trotzdem kann ich nach einer Woche Test in unterschiedlichen Situationen sagen, dass Spotify die Abwägung zwischen Buffering-Zeitverzögerung beim Start eines Songs und plötzlichem Abbruch gut eingestellt hat. Mehr Buffering-Pause beim Start würde stören, dafür nimmt man hin und wieder die kurzen Unterbrechungen in Kauf. Über WiFi läuft das Streaming bisher völlig unterbrechungsfrei.
Größter Nachteil gegenüber iTunes ist das schmale Repertoire. Viele wichtige Interpreten sind bei Spotify nicht oder nicht ganz dabei, zumindest habe ich sie nicht gefunden. Die Beatles fehlen, Keith Jarrets wichtigste Alben tauchen nicht auf, Glenn Gould erscheint in Auszügen, Carole King ist unbekannt. (Falls ich sie übersehen habe, bitte kurzen Hinweis.) Der Schwerpunkt scheint auf der Gegenwart zu liegen, das gute klassische Repertoire ist lückenhaft. Dafür gibt es Tausende Sampler, Kompilationen und ausgegrabene Uralt-Stücke – leicht zu bekommende Rechte vermutlich. Trotzdem ist das Spotify-Repertoire auch in seiner heutigen Fassung zufriedenstellend und lohnt allemal den Premium-Preis von knapp 10 Euro pro Monat.
Nicht als Nachteil empfinde ich den fehlenden „Besitz“ der Musik. Steve Jobs hatte, siehe Isaacson-Biographie, darauf bestanden, seinen iTunes-Kunden per Download Eigentums-Gefühle zu vermitteln. Selbst im Streaming-Modus sehe ich das Spotify-Modell jetzt aber nicht als Manko. Man entwickelt eher das Gefühl, alles zu besitzen, was auf dem Server steht.
Echten Nachholbedarf gibt es bei der schwachen Oberfläche der Spotify-App. Nach Eleganz, Bedienbarkeit und Verständlichkeit ist iTunes weit überlegen. Navigieren und Suchen fällt bei Spotify zu kompliziert aus.
Kurzum: iTunes braucht eine Abo-Flatrate und Spotify eine bessere App-Oberfläche.
Zweitens: Das Smartphone wird zu Autoradio und Stereoanlage
Seitdem Spotify an Bord ist, hat das Autoradio weitgehend ausgedient. Mit Bluetooth meldet sich das iPhone beim Starten der Zündung an; die Musik kommt aus den Boxen, noch bevor das Auto rollt. Durch die reichhaltige Radioliste stehen alle erdenklichen Sender zur Auswahl, darunter der wunderbare Feriensender Blue FM aus Cannes. Allerdings kommt die Streaming-Bandbreite an die UKW-Tonqualität noch längst nicht heran.
Glänzend funktioniert die Abstimmung zwischen Spotify und Sonos bei stationärer Nutzung. Eine winzige Sonos-Station – „Bridge“ genannt – hält die Verbindung zum Internet und baut ein WiFi-Netz auf. Über Haus oder Wohnung verstreut stehen drahtlos verbundene Boxen, jede einzeln ansteuerbar nach Lautstärke, Tonmischung und Programm, koppelbar zu Stereopaaren. Die Tonqualität der Boxen ist nicht überwältigend, aber gut. iPhone oder iPad übernehmen die Steuerung. Mehrere Smartphones sind nebeneinander einsetzbar. Die Regler bewegen sich live mit, wenn jemand anderes auf einem anderen Smartphone die Lautstärke ändert.
Nach den vielen anderen Karrieren, die das iPhone bereits gemacht hat, wird es nun also auch zum Autoradio und zur Stereoanlage, und somit zum zentralen Musikportal. Damit macht es sich noch unverzichtbarer. (Android-Smartphones funktionieren übrigens ebenso gut mit Sonos und Spotify.)
Drittens: Musik ist privater als man denkt
Musik, die man mag, zerfällt bei Spotify schnell in zwei Gruppen: peinliche Musik und Musik mit gesellschaftlichem Prestige. Beim Vergleichen der verschiedenen Fassungen von Glenn Goulds Goldberg-Variationen mag man sich gern beobachten lassen, auch „Titanium“ von David Guetta kündet bei Facebook von gutem Geschmack: Club, Techno, melodisch, mitreißend.
Doch schon Adele ist zu sehr Mainstream, Joan Baez geht gar nicht mehr. „Bridge over Troubled Water“, „El Condor Pasa“, „Let it be“ oder „Angie“ – dabei möchte man kaum erwischt werden, bei Schlagern schon gar nicht. Playlists sind überwiegend peinlich, was wir spätestens sei George W. Bush wissen. Spotify steigert diese Peinlichkeit enorm durch die Verknüpfung mit Zeit und Ort. Was hat jemand im Moment von Triumph oder Niederlage gehört, in welcher Stimmung ist er auf dem Weg zur Arbeit, wie originell denkt er und in welchem Jahrzehnt ist sein Musikgeschmack stehen geblieben? An der öffentlichen Beantwortung dieser Fragen möchte nicht jeder mitwirken.
Viertens: Die Facebook-Anbindung ist tückisch, aber hilfreich
Spotifys Streaming unterscheidet sich von Download-Bibliotheken auch dadurch, dass man das Repertoire vorher nicht selbst kuratiert hat. In seiner eigenen Bibliothek findet man immer etwas, was man gerade hören möchte. Bei Spotify steht man erst einmal verloren vor dem Nichts. Es fallen einem beim Suchen manchmal selbst die einfachsten Songtitel und Interpreten nicht mehr ein. Plötzlich merkt man, dass Tom Waits Song gar nicht „Waltzing Matilda“ heißt, sondern „Tom Traubert’s Blues“ heißt.
Die Suche funktioniert leider erdenklich schlecht. Auf „Waits Matilda“ gibt es keine Antwort. Anregungen liefern könnten die Spotify-eigenen Vorschläge, doch die kommen an die ausgeklügelte Reife der Amazon- oder iTunes- Vorschläge nicht heran. Oft stimmt noch nicht einmal das Genre. Man entdeckt plötzlich, wie viel furchtbare Musik es auf der Welt gibt. Hier wird nun die Facebook-Anwendung wichtig. Zum Glück gibt es viele Leute, die nicht zögern, ihre peinlichsten Lieblinge zu veröffentlichen – das sind oft die besten.
Fünftens: Flatrates auch für andere Branchen
Spotify kann ein Vorbild für andere Branchen sein. Alle Zeitungen und Zeitschriften Deutschlands, alle Filme, alle eBooks für eine monatliche Abogebühr – das wären denkbare Modelle. Die Kreativen und ihre Verlage sollten aber immer selbst entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht. Zwang wie bei der Kulturflatrate führt nicht weiter. Freiwillige Modelle funktionieren gut. Auch dies zeigt das Beispiel Spotify.
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Tim Schattke
Hi,
unser aktueller Erfahrungsbericht zu Spotify-Nutzung mit Sonos:
http://weiter-gedacht.de/2012/07/sonos-und-spotify-eine-gelungene-symbiose-welche-mit-sonos-play5-noch-flexibler-einsetzbar-ist/
Tim
Frank Eilert
Einfach nur peinlich der Artikel, eine gute Beschreibung der Funktionen von Spotify hätte völlig ausgereicht.
Heike Rost
Ein unterhaltsames Lesestück, ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht. itunes nutze ich immer weniger, dafür zunehmend Streaming: WLAN, vernünftige Boxen und die Welt ist in Ordnung. (Ein paar schwarze Vinylschätzchen und undigitales Abspielgerät
gebe ich trotzdem nicht her…)
Gartenzwerg
Ich kann beides vergleichen, da ich Simfy gekündigt und Spotify abgeschlossen habe. Angebot und Komfort des Streamings sind vergleichbar, besser aber als bei Simfy ist die Integration der vorhandenen iTunes-Mediathek in die Spotfy-Umgebung und (trotz der hier beschriebenen Mängel) die App, die sich bei Simfy noch hakeliger bedient.
Da sich alle verfügbaren Angebote stark ähneln, kann der interessierte Kunde die Auswahl eines Dienstes von Details abhängig machen, derentwegen auch ich gewechselt bin. Negativ dabei: Playlists kann man nicht von einem zu nächsten Anbieter mitnehmen – gewissermaßen ein letzter Vorteil, den das Kaufmodell dem Streaming gegenüber bietet.
Christoph Keese
Simfy: Habe ich nicht. Kann ich leider nicht vergleichen.
Volker Rieck
Als Simfy Nutzer würde mich natürlich interessieren, wie Spotify dagegen abschneidet. Hat jemand Erfahrungen mit beiden Diensten?
steve
Hatte simfy, bin jetzt bei spotify, die Angebote sind ähnlich, aber simfy hat bei den mobile apps keine radios, das ist k.o.-kriterium. Bei allen diensten stört mich übrigens, dass du zu wenig info über die künstler und alben bekommst. Deezer ist hier noch am besten, aber hat weniger titel…
André
Danke für die schöne summary.
Mein setup und die Erfahrungen sind identisch.
Ich mag spotify schon jetzt nicht mehr missen. Vor allem die playlists der freunde sind toll.
Mir ist mit spotify noch klar geworden, dass die roaming regeln jetzt noch schlimmer werden und wir endlich eine einheitliche Regel für Datentarife über die grenzen hinweg brauchen.
Sonst hat man im Urlaub plötzlich keine Musik mehr dabei
Christoph Keese
Roaming: Absolut richtig. Deswegen am besten jetzt schon alle Lieblingssongs auf die Playlist setzen. Dann stehen sie offline zur Verfügung.
erik spiekermann
Carol King ist unbekannt
Das liegt vielleicht daran, dass sie sich Carole schreibt!
André
Dann ist die suche aber sehr schlecht
Christoph Keese
Erik, da hast Du Recht. Typo hier im Text. Hatte nach Carole gesucht. Außer Karaoke-Versionen km da aber nicht viel. Überhaupt wimmelt es bei Spotify von Karaoke-Fassungen, die unter den Namen der echten Interpreten erscheinen.