Kein Freund, kein Feind und nur die Wahrheit: Zum Ende der FTD



Die Financial Times Deutschland wird eingestellt. Ein trauriger Tag. Respekt für diese großartige Redaktion und dem mutigen Verlag Gruner+Jahr, der dieses Projekt so lange durchgehalten hat. Als einer ihrer Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur habe ich für die WELT einen Nachruf geschrieben. Hier der Text in einer leicht ergänzten Fassung:

Die Financial Times Deutschland war angetreten, den Wirtschaftsjournalismus hierzulande zu verändern, und auch wenn sie wirtschaftlich kein Erfolg geworden ist, hat sie ihr journalistisches Ziel dennoch erreicht. Unter gutem Wirtschaftsjournalismus verstehen Redaktionen und Leser heute etwas anderes als damals bei der Gründung vor zwölf Jahren. Dieser aufklärerische Impuls der lachsfarbenen Zeitung war wichtig und unverzichtbar. Seine Wirkung wird bestehen bleiben, auch wenn die FTD verschwindet.

Wilde und Revolutionäre

Wir waren Wilde und Revolutionäre, die sich damals bei der Gründung um Andrew Gowers, den nach Hamburg entsandten stellvertretenden Chefredakteur der britischen Financial Times, versammelten, um in Deutschland etwas Unerhörtes zu wagen: eine Zeitung zu starten, die sich nur den Eigentümern von Firmen, den Aktionären, verpflichtet fühlt. Die sich von Managern nicht einlullen lässt, sondern sie als angestellte Sachwalter der Eigentümer begreift. Die so aktuell ist wie noch nie eine überregionale deutsche Zeitung vor ihr – Redaktionsschluss 22:30 Uhr. Die exklusiver, nachrichtenstärker und internationaler sein sollte als alle Wettbewerber.

Die britische Financial Times öffnete uns ihren legendären Newsroom am Themseufer und gab sich alle erdenkliche Mühe, uns Deutschen beizubringen, wie angelsächsischer Wirtschaftsjournalismus funktioniert: „No friend, no foe“ – kenne keinen Freund und keinen Feind. Konzentriere dich auf Auswahl und Urteil. „Follow every tick and turn“ – biete deinem Leser jede Wendung einer Geschichte, denn jedes Detail kann für einen Investoren wichtig sein. Bringe jede Nachricht sofort ins Blatt und ruhe nicht, bevor sie gedruckt ist. Ignoriere Nachrichten, die jeder schon kennt. Ignoriere Pressemitteilungen. Denke in Scoops: Die große exklusive Nachricht wartet da draußen auf dich; du musst sie nur finden.

Überprüfe die Fakten und schreibe nicht ab

Sei hartnäckig. Überprüfe alle Fakten durch drei unabhängige Quellen. Schreibe nicht bei anderen ab. Lass die Gegenseite zu Wort kommen. Bilde dir keine eigene Meinung, bevor du alle Fakten kennst. Recherchiere nur bei Vorständen und Aufsichtsräten, denn nur sie überblicken die ganze Lage. Unterschreibe Leitartikel nicht mit einzelnen Namen, sondern lasse die ganze Redaktion durch sie sprechen. Binde die Redaktion in das Finden der Blattlinie ein. Sprich Wahlempfehlungen offen aus, anstatt sie dem Leser heimlich unterzujubeln. Lass dich durch nichts und niemanden vereinnahmen. Wechsele als Redakteur alle drei bis fünf Jahre das Ressort und das Thema, um dir den frischen Blick zu bewahren.

Und die heiligste aller FT-Regeln lautete: „News is something someone somewhere does not want to see in print.“ Kein anderer Satz schweißte das Team der Financial Times Deutschland so eng zusammen. Systemstörung war der journalistische Generalauftrag., niemandem gefallen zu wollen die Grundhaltung. In der redaktionellen Tagesarbeit ist dieses Ziel gewiss nicht immer leicht zu erreichen. Aber als Ziel ist es Gold wert, denn es hilft, geistige Bequemlichkeit zu überwinden. Der Leser bezahlt nur für etwas, das wirklich neu ist: „News is what sells newspapers“, sagt man bei der Financial Times. Diese Denkweise ist auf herrliche Weise altmodisch und zugleich bestens geeignet für das Internet-Zeitalter. Je mehr Daten- und Informationsmüll durch das Netz geistert, desto eher ist das Publikum geneigt, für wirklich wertvolle Inhalte Geld zu bezahlen.

Dank und Respekt

Der Abschied von der Financial Times Deutschland fällt schwer. Für jeden, der dort arbeitet oder gearbeitet hat. Für mich, der einige seiner glücklichsten Berufsjahr dort verbrachte. Für jeden Leser und sicherlich auch für jeden, der mit der Zeitung zu kämpfen hatte und sich über sie ärgerte. Was bleibt? Der Dank an das fabelhafte Team, das diese Art von Journalismus jeden Tag zustande brachte. Der Respekt für den Verlag Gruner + Jahr, der soviel Geld und Geduld investierte. Die Einsicht, wie wichtig mutige Verlage und engagierte Journalisten für eine demokratische Kultur sind, und wie schwierig es ist, Qualitätsjournalismus in Zeiten des Internets zu finanzieren.

Vor allem aber bleiben werden die vielen anderen Redaktionen, die von der Financial Times Deutschland gepiesackt und angespornt worden sind. Und bleiben wird ein „Handelsblatt“, das heute dramatisch besser als vor der Gründung der FTD. Damals bei der Gründung witzelten wir auf den Fluren: „Wenn wir eines schaffen müssen, dann ist es, das Handelsblatt zu verbessern“. Das ist uns gelungen.



 

53 Kommentare

 
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