Smartphone-Aggregator Prismatic: Der Mensch denkt, der Computer lenkt



Als Beispiel für künstliche Aggregation auf Smartphones hier einige Screenshots von Prismatic, der Smartphone-App, die in der semantischen Analyse und automatischen Kuratierung derzeit am meisten erreicht. Gründer Bradford Cross (Foto) arbeitet mit seinem Team in San Francisco. Finanziert wird er von Jim Breyer und Yuri Milner mit einer Einlage von 15 Millionen Dollar. Über die gegenwärtige Bewertung von Prismatic kursieren Gerüchte, die einen dreistelligen Millionenbetrag nahelegen.

Verbunden mit der hohen Bewertung ist die Hoffnung, dass Prismatic den neuen Markt für automatische Kuratierung durch überlegende Software dominieren kann. Beweise dafür gibt es nicht. Prismatic konzentriert sich derzeit auf die Verbesserung seines Angebots, nicht auf die Monetarisierung des Besucherverkehrs. Mithin gibt es weder Umsatz- noch Ergebniszahlen, die eine derart hohe Bewertung nach traditionellen Rechenmethoden rechtfertigen würden. Aber so haben auch schon andere Unternehmen angefangen, die hinterher sehr groß und profitabel wurden.

Homgepage: Drei bis vier Artikelanrisse sind sichtbar, manchmal mit Fotos. Anzeigt werden die Überschrift, die Quelle, Themenkategorien und Snippets. Die Lesbarkeit der Themen ist deutlich höher als bei Pulse, wo 9 bis 12 Themen mit Fotos, aber nur mit Überschriften erscheinen. Persönlich gefällt mir der Prismatic-Startschirm von allen Aggregatoren am besten, da er sich auf das Wesentliche – den Text – konzentriert und einen kurzen Einblick in das Thema erlaubt. Die Auswahl der Themen geschieht automatisch auf Basis von Algorithmen. Ziel ist die bestmögliche Anpassung der Auswahl an die persönlichen Interessen jedes Lesers. Bei jedem Auffrischen der Seite durch Ziehen des Bildes wird die Auswahl aktualisiert:

Artikel: Auch hier steht der Text im Vordergrund. Ohne grafische Spielereien wird er schwarz und blau auf weiß angezeigt. Links und Zitate sind auf den ersten Blick erkennbar. Sehr weiches und flüssiges Schieben führt durch den Rest der Geschichte. So entsteht ein kontinuierliches Leseerlebnis, das meinem persönlichen Leseverhalten besser entgegen kommt als die Flips von Flipboard oder die Takes von Circa:

Navigation: Schieben von rechts nach links führt zur Hauptnavigation. Sie reicht genau so weit ins Hauptbild hinein, wie man sie zieht, arretiert also nicht an einer Stelle und springt nicht voraus. Ich empfinde das als angenehm, weil ich sie damit schnell wieder loswerden kann. Mit der Navigation kann man Themen- und Quellen-Vorlieben festlegen. Man liefert sich dem Algorithmus mithin nicht vollständig aus, sondern kann ihm Vorgaben machen. Dadurch entsteht ein ähnlich entspanntes Gefühl zur künstlichen Intelligenz wie bei Assistenz-Systemen im Auto, etwa beim adaptivem Tempomat mit Abstandskontrolle oder beim sanften Lenkeingriff im Falle unbeabsichtigten Spurwechsels. Man kann das System leicht übersteuern. Dadurch fühlt man sich dem Roboter nicht ausgeliefert, sondern gewinnt den Eindruck, selbst Kontrolle auszuüben, befreit um jede Form von Routine:

Durch die Navigation rollt man hindurch. Sie ist viele Bildschirmseiten lang. Per Tippen auf das Zeichen hinter den Optionen kann man diese ab- oder zuwählen:

Teilen: Keine andere mir bekannte Aggregator-App bietet derart elegantes Teilen wie Prismatic. Man drückt den Daumen an einer beliebigen Stelle auf den Schirm. Drei Zeichen erscheinen für Speichern, Favorisieren, Senden (von links nach rechts). Zu erreichen sind diese Zeichen, indem man den niedergedrückten Daumen in Richtung des jeweiligen Zeichens verschiebt. Es bedarf keines Absetzens und Neuaufsetzens, was bequemer ist und Zeit spart:

Senden: Wählt man die Option Senden, erscheint ein Schirm, der Facebook, Twitter und Mail zu einer einzigen Funktion zusammenfasst. Auch das ist ungeschlagen elegant und schnell. Der anzeigte Link wird beim Berühren des Sendeknopfs automatisch verkürzt. Es entfällt der Umweg über einen Linkshortener (was allerdings viele Aggregatoren im Programm haben). Ein Textvorschlag für den Begleittext erscheint, ist aber markiert, so dass man ihn mit der Löschtaste schnell beseitigen kann. Vom Lesen des Beitrags bis zum Teilen vergehen nur Sekunden:

Prismatics Stärke entsteht durch die Kombination eines exzellenten Kuratier-Mechanismus mit ausgezeichneter Benutzerführung. Im Sommer gibt es eine neue Version der App. Für Desktops wird gar kein Produkt angeboten. Prismatic konzentriert sich voll auf Smartphones.

Foto: Christoph Keese

 

7 Kommentare

 
  1. Ein hochinteressanter Artikel, wäre künstliche Intelligenz tatsächlich möglich, ergäben sich damit viele tolle Möglichkeiten für Wissenschaft und Forschung oder allgemein für die Wirtschaft, trotzdem müßte aber auch mit Vorsicht dieses Thema behandelt werden.
    LG Michaela

     
     
  2.  
  3.  
  4. (Pingback)

    [...] wundert sich verständlicherweise darüber, dass man auf der einen Seite so begeistert von den Möglichkeiten des Internets sein kann und auf der anderen Seite eben diese Entwicklung per LSR nachdrücklich [...]

    » Drei Springer – “Aupairs” in Kalifornien

    22. Mai 2013

     
  5.  
  6. kleitos

    Und – hat Prismatic schon bei AS wegen einer Lizenz für die Anzeige der Snippets angefragt?

    “Persönlich gefällt mir der Prismatic-Startschirm von allen Aggregatoren am besten, da er sich auf das Wesentliche – den Text – konzentriert und einen kurzen Einblick in das Thema erlaubt.”

    Aber das ist doch Diebstahl von “geistigem Eigentum”! Ich kann es ja kaum glauben: DER Apologet der blödsinnigen Anti-Snippets-Gesetzgebung aka LSR nutzt selbige für sich selbst? Haben Sie sich denn wenigstens aus Anstand auf die originäre Nachricht durchgeklickt um dort keinen fehlenden Traffic enstehen zu lassen?

    Irgendwie habe Sie durch Ihr Agieren beim Thema LSR jegliche Seriösität beim Thema “Zukunft der digitalen Medien” verspielt. Berichte wie obiger, die themtisch eigentlich interessant sein könnten, erscheinen aus Ihrem Munde eher unterhaltsam un dunfreiwillig komisch denn informativ.

    Erneut vielen Dank für das Amusement – hab’ wieder herzhaft gelacht.

     
     

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