Zum Beitrag des ARD-Magazins Kontraste über die Verlagsklage




Foto: ARD / RBB

Es verlangt Mut, als Journalist über das eigene Haus zu berichten und dabei auch Kritikern angemessenen Raum zur Stellungnahme zu geben. Das Magazin „Kontraste“ vom RBB hat diesen Mut heute Abend im Ersten bewiesen. Acht Verlage, darunter mein Arbeitgeber, klagen gegen ARD und NDR, weil die „Tagesschau“-App eine elektronische Zeitung ist und Grenzen, die der Rundfunkstaatsvertrag setzt, deutlich überschreitet. Schon deswegen bin ich befangen, auch weil ich im Film selber vorkomme. Gespannt habe ich auf die Ausstrahlung gewartet, um zu sehen, wie die „Kontraste“-Redaktion mit diesem schwierigen Thema umgeht. Der Redaktion muss ich ein Kompliment machen: Sie hat versucht, dem Publikum die komplizierte Materie zu erklären, und sie hat die ARD-Kritiker fair behandelt. Aufgezeichnet hat das Team geschätzte 20 Minuten Interview mit mir, aber es hat die kurzen Ausschnitte dann in einen sinnvollen Kontext gestellt, nicht aus dem Zusammenhang gerissen und nicht aus dem Off konterkariert. „Zapp“, das Medienmagazin des NDR, hätte vermutlich eine Polemik aus dem Stück gemacht, „Kontraste“ hingegen hat Information geliefert. Die Autoren des Beitrags steckten tief im Thema und stellten beim Interview kluge Fragen (die im Beitrag nicht zu sehen waren). Moderatorin Astrid Frohloff, eine der besten ihres Fachs, hat die Pein der Redaktion bei der Wahl des Themas in der Anmoderation thematisiert und damit auch potentiellen Kritikern im eigenen Hause vorauseilend entgegengehalten, dass „Kontraste“ nicht dafür da ist, PR für die ARD zu machen.

Was fehlte? Aus meiner Sicht kam das Gesetz, um das sich alles dreht, im Film zu kurz. Was ist der Staatsvertrag, warum steht in ihm, was in ihm steht, warum sind der ARD Grenzen gesetzt – das hätte stärker betont werden können. Ohne diesen Aspekt sah es teilweise so aus, als würden zwei Wettbewerber – öffentlich die einen, privat die anderen – ganz normal um einen Markt streiten, was sie aber nicht tun. Auch die Stellungnahme des Verfassungsrechtlers, oder genauer: der Ausschnitt, der daraus gezeigt wurde, ging nicht auf das bestehende Gesetz ein, sondern hob grundsätzlich auf die Notwendigkeit des öffentlichen Rundfunks ab, so als drehe sich die konkrete Klage nicht um die Verletzung einer konkreten Vorschrift. Ein wenig mehr Jura hätte dem Beitrag gut getan. Auch fehlten Zahlen: Fast zwei Millionen kostenlose Tagesschau-Apps gegen einige zigtausend Bezahl-Apps der Verlage. Dieser Vergleich hätte gezeigt, wie stark ein Gratis-Angebot einen Markt verzerrt.

In der Abmoderation lud Astrid Frohloff zum Diskutieren in den Kontraste-Blog ein. Dort geht es gerade hoch her. 185 Beiträge um kurz vor elf. Roland schreibt:

Die ARD soll lieber dafür sorgen, dass die GEZ-Gebühren sinken, anstatt Geld so zu verbrennen. Es gibt genug Grundversorgung im Nachrichtenmarkt, also gibt es keinen Grund den Verlagen Konkurenz zu machen – noch dazu, da die meisten Informationen dort im Web eh kostenlos abrufbar sind. Die unnütze staatliche Abzocke nervt.

Reinhard Wiesemann meint:

Die öffentlichen sind nicht neutral. Es gibt keine Neutralität, sondern nur Vielfalt. Deshalb ist wichtig, dass VIELE Publikationsorgane leben können und daraus folgt, dass die staatliche finanzierten Presseorgane gebremst werden müssen, bevor sie alles dominieren.

Andreas aus Bielefeld schreibt:

Wir haben ein hochentwickeltes, kostenintensives und gutes Sozialwesen. Die Unternehmen üssen wirtschaften können, damit der Staat genügend Steuern und Sozialabgaben einnimmt, um das zu bezahlen. Die ARD sollte auf die Texte verzichten, sie machen die APPs Zeitungs-ähnlich. Die ARD sollte Schlagzeilen und Videos einstellen.

Wolfgang Walczak kritisiert die Verlage:

Alles dummes Zeugs. Die Rahmenbedingungen sind komplett neu. Da hat jeder die gleichen Rechte, sich seine Position zu verschaffen. Der Streit ist müßig und dumm. Und deshalb kommt keiner so richtig voran. Medienunternehmen ist Medienunternehmen! Es kommt darauf an, sein Publikum zu erreichen und zu binden. Neustart für Alle. Lieber loslegen statt vor Gericht mühsam streiten. Das interessiert doch niemanden.

Claus Schmidt-Hammer gibt der ARD Recht:

Ich halte es für selbstverständlich dass ich für meine Gebühren auch über das Internet informiert werde. Wenn ich darüber hinaus spezielle Infos benötige zahle ich auch dafür.

Pro und Contra ARD in der ARD – das verdient Anerkennung.

Hinweis an Stefan Niggemeier, die Stechuhr des deutschen Medienjournalismus: Dieser Beitrag wurde in meiner Freizeit erstellt.

 

7 Kommentare

 
  1. In der Tat, der Staatsvertrag müsste mehr Beachtung finden. Beispielsweise sollte man jeden Tag darauf hinweisen wer eigentlich für den Depublizierungs-Irrsinn und den Stufentest verantwortlich ist und wer ein Interesse hat, die öffentlich rechtlichen Mediatheken zu schädigen. Primär nützt das alles natürlich den privaten TV Sendern, aber auch die Verlage haben eine Mitverantwortung für den erbärmlichen Zustand in dem sich der öffentlich-rechtliche durch eine offensichtlich unsinnige und von privaten Interessen getriebene Gesetzgebung befindet.

    Die Klage der Verlage zeigt wie unfähig und überfordert sie sind. Ich hoffe, die Verlage werden sich nicht durchsetzen können. Diese Klage, und der größte Teil der Berichterstattung in den “Qualitätsmedien” macht mich so wütend, dass ich mir momentan den schnellen wirtschaftlichen Untergang aller beteiligen Verlage wünsche. Die Meinung des Axel Springer Verlages wird mir dabei, aus offensichtlichen Gründen, im Meinungsspektrum am wenigsten fehlen.

     
     
  2. paul

    Also soweit ich das sehe, ist die tagesschau APP gleichbedeutend mit tagesschau.de, nur aufbereitet fürs Iphone? Das mag Einmal-Kosten verursachen, ist aber gar nichts im Vergleich zu den anderen Ausgaben. Von daher kann man das getrost als Nebelkerzenaktion der Privaten bezeichnen.

     
     
  3. Als würde die Bild oder Welt eine einzige App mehr verkaufen ohne Tagesschau-App. :)

    Hört auf Scheingefechte zu führen, ihr Springer, und passt euer Modell an eine neue Zeit an.

     
     
  4. Jens Best

    Lächerliche Vorgestrigkeit. Allesamt.
    Rückblickend wird eine aufgeklärtere Gesellschaft kopfschüttelnd auf die Dominanzkämpfe dieser vorkonvergenten Medienzeit herabschauen.

    Geld- und machtgeiles Gesindel gibt sich pseudo-diplomatisch im gegenseitigen Umgang.

     
     
  5.  
  6. (Pingback)

    [...] Haus zu berichten und dabei auch Kritikern angemessenen Raum zur Stellungnahme zu geben“, bloggte er. Was vermutlich auch der Grund ist, weshalb es etwa bei der „Welt“ niemand tut. [...]

    ARD-Aktion „BILDstörung“ « Stefan Niggemeier

    22. Juli 2011

     
  7. Hallo Herr Keese,

    Sie haben schon mit Ihrem Machwerk “Rettet den Kapitalismus!: Wie Deutschland wieder an die Spitze kommt” bewiesen, dass Ihnen jeglicher Realitätssinn verloren gegangen ist.

    Wenn Sie meinen, dass Sie das Internet für sich gepachtet haben, dann kämpfen Sie weiter dafür. Aber bitte beginnen Sie, als Gegenleistung Holz zu schonen anstatt unser aller Ressourcen mit den Schmiereien des Springer-Verlages zu verschwenden.

     
     

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