Warum das Leistungsschutzrecht MyEdition nicht im Wege steht



Thomas Knüwer, die Kassandra unter den Medienbloggern, schreibt bei Indiskretion Ehrensache heute, dass ihm Axel Springers Tablet-Aggregator MyEdition zwar nicht grundsätzlich missfalle, er aber nicht an den Erfolg glaube, weil die anderen Verlage keine Rechte zur Aggregation einräumen würden. Warum nicht? Weil das Leistungsschutzrecht im Wege stünde. Kann das stimmen? Hier in aller Kürze ein Widerspruch.

Kassandra Knüwers Beitrag beginnt mit der Ankündigung von Niedergang und Verderben:

Das vielleicht Überraschendste: Zumindest ein deutscher Verlag scheint in diesem Feld agieren zu wollen – Axel Springer. Doch besteht die Gefahr, dass jene leidige Leistungsschutzrechtsdiskussion dazu führen wird, dass Deutschlands Medienhäuser auch diese Chance wieder in den Sand setzen. Oder besser: krachend vor die Wand.

Aha! Ein Aggregator soll wegen der Leistungsschutzrechtsdebatte nicht funktionieren? Warum? Knüwer schreibt:

Die App wird zwar auf deutsche Quellen zurückgreifen – aber zunächst nur auf die zu Springer gehörigen. Andere Verlage müssen erst ihre Zustimmung erteilen. Das wird natürlich toll in Sachen persönlicher Filter: Bei Computer-Themen wird der Filter wohl viele, viele “Computer-Bild”-Artikel auswerfen – es gibt ja keine anderen. In einem weiteren Punkt kollidiert die Idee ebenfalls mit den Strategien des Verlagskonzerns: Denn wie ist dies in Einklang zu bringen mit der Paid-Content-Ankündigung? Bekomme ich auch bei MyEdition nur eine bestimmte Zahl von Artikeln frei zu lesen?

Ja, im Closed-Beta-Test stehen erst einmal nur Axel-Springer-Produkte zur Verfügung. Logisch, dass „Computer Bild“ bei Computer-Themen dadurch häufig vorkommt. Aber es ist durchaus denkbar, dass andere Verlage später dazu stoßen, wenn MyEdition den Closed Beta-Test bestanden hat und auf den Markt kommt. Doch das kollidiert ganz und gar nicht mit der Paid-Content-Strategie. MyEdition ist als Paid-Produkt angekündigt worden. Die App wird Geld kosten. Wer bezahlt, hat Zugang. Wer nicht zahlt, bleibt draußen.

Dann schlägt Knüwer eine wackelige Brücke zum Leistungschutzrecht:

Axel Springer trägt die Fackel des Leistungsschutzrechtes vor sich. Und da gibt es dann argumentativ ein Problem, möchte man die Inhalte aus anderen Quellen ungefragt in solch ein Angebot integrieren.

Aber nein! Inhalte aus anderen Quellen werden nicht ungefragt integriert. Sie werden nur mit vorheriger Genehmigung eingebaut. Genau das ist ein wichtiger Unterschied zu Flipboard oder Zite: MyEdition ist legal. Das haben wir bei der Vorstellung der Closed Beta mehrfach deutlich gesagt; ich habe es getwittert und es steht auch in diesem Blog. Knüwers Behauptung ist falsch.

Weiter heißt es bei ihm:

Jene Lüge über das angebliche Raubkopieren deutscher Verlagsinhalte blockiert also wieder einmal eine Zukunftstechnologie. Digitaler Fortschritt tritt zurück hinter Besitzstandswahrung. Denn dass andere Verlage die Erlaubnis geben, dürfte unwahrscheinlich sein. Wie unfähig sie zur Kooperation auf Geschäftsebene sind, demonstrieren sie bei fast jedem Thema, das sich nicht an die Politik richtet.

Starke Worte. „Lüge über das angebliche Raubkopieren deutscher Verlagsinhalte“? Offenbar gibt es noch immer Journalisten, die ihre Augen davor verschließen, dass Online-Inhalte massiv gewerblich kopiert werden. Und nicht nur Online-Inhalte, sondern auch Print-Produkte. Die Beiträge über das Beispiel Avaxhome stehen hier und hier. Es ist eine Lüge, dass Berichte über Raubkopien eine Lüge seien.

„Digitaler Fortschritt tritt zurück hinter Besitzstandswahrung“? Reine Polemik. Im Gegenteil: Verlags-Websites verzeichnen den höchsten Reichweitenzuwachs im Vergleich zu reinen Portalen und TV-Sites. Dazu gibt es einen einprägsamen Überblick des VDZ. „Denn dass andere Verlage die Erlaubnis geben, dürfte unwahrscheinlich sein.“ Warum denn? Das ist nicht plausibel. Unser iKiosk enthält neuerdings zahlreiche Titel anderer Verlage, und weitere werden hinzu kommen. Warum sollte das bei einem Aggregator nicht möglich sein? Thomas Knüwer bleibt die Begründung schuldig. Ein Leistungsschutzrecht steht legalen Tablet-Aggregatoren jedenfalls nicht im Wege. Im Gegenteil. Wer einen Aggregator bauen möchte, spricht den Rechteinhaber an und holt eine Lizenz gegen Bezahlung ein – fertig! Der Rechteinhaber hat sogar ein Interesse daran, die Lizenz zu vergeben, denn er kann Geld damit verdienen.

Zum Abschluss ein letztes Knüwer-Zitat:

Redaktionen klassischer Medienhäuser spielen in Social Media jedoch bisher eine bemerkenswerte untergeordnete Rolle. Sicher, ihre häufig automatisierten Schlagzeilenverteiler werden gern befreundet und gefollowed. Und in fast jeder Redaktion gibt es ein paar Renegaten, die tatsächlich die Kommunikation mit dem Leser aufnehmen. Doch eine systematische Herangehensweise ist nirgends zu entdecken.

Auch das stimmt nicht. Hier nur ein einziges Gegenbeispiel, denn Thomas Knüwer behauptet ja, dass es kein einziges Beispiel gebe. Sistrix zeigt mit seinem neuen Social-Media-Tool folgende Daten für Bild.de an:

68.473 Twitter-Zitate von Bild.de gefunden, 2,17 Millionen Facebook-Einbindungen. Das sind eindrucksvolle Zahlen. Geschieht das durch Zufall? Nein, unter anderem durch die Arbeit von Rowan Barnett, dem Chef von Social Media und Community bei Bild.de. Social Media stehen bei vielen Verlagen ganz oben auf der Prioritätenliste.

All das nimmt Thomas Knüwer nicht zur Kenntnis, weil er es nicht zur Kenntnis nehmen will.

 

14 Kommentare

 
  1. Die Verleger haben ihre Druckerzeugnisse unverändert ins Internet gestellt und übersehen, dass das Internet selbst die Zeitung ist. Springer will mit Macht seine Angebote zu Paid Content umwandeln und zudem auch an fremden Inahlten mitverdienen, das funktioniert aber nur, wenn die Verlage eigene Inhalte anbieten würden. Für nachgedruckte dpa-Meldungen und nachweislich geklaute YouTube-Videos braucht niemand eine Springer-App.

     
     
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  3. Ach so, das mit der “massiven gewerblichen Kopierung” – da steht der Beweis immer noch aus. Dass es Plattformen gibt, auf denen es US-Inhalte raubkopiert gibt, ja. Die Zeichen deuten aber darauf hin, dass sie nicht genutzt werden. Aber ich bin mir sicher, dass Sie in den Kommentaren einen No-follow-Link auf jenes Angebot setzen werden, das gewerblich und en masse deutsche Medieninhalte raubkopiert. Danke dafür.

     
     
  4. Herr Keese, die Zahl der Links ist doch kein Beweis für Social Media. Gerade die Bild kommuniziert ja nicht, sie nutzt alle Kanäle als Linkschleuder. Das habe ich gar nicht so hart kritisiert, wie Sie auch nachlesen können. Aber die Bild kann angesichts ihrer Fehlerquote und tendenziösen Berichterstattung gepaart mit ihrer Größe natürlich gar keine Kommunikation aufnehmen: Um das zu handhaben wären wahrscheinlich ein Dutzend Community Manager nötig.

     
     
    • Christoph Keese

      Mit der Kritik an BILD übertünchen Sie lediglich Ihr Eingeständnis, dass die soziale Vernetzung deutscher Medien in der Tat beträchtlich ist. Schauen wir über BILD hinaus auf den SPIEGEL. Hier die aktuellen Sistrix-Zahlen der Sichtbarkeit von Spiegel.de in Social Media: Twitter 368.590, Facebook 2,8 Millionen, Google+ 3.313.
      Nun zum Vergleich die Zahlen für Indiskretion Ehrensache: Twitter 8.989, Facebook 8.941, Google+ 1.169.
      BILD und SPIEGEL sind Ihnen meilenweit überlegen. Trotzdem müssen sie sich von Ihnen vorwerfen lassen, nichts von Social Media zu verstehen.
      Da Sie die schiere Größe der Zahlen nicht bestreiten können, weichen Sie auf das Hilfsargument aus, dass Medien nur Schlagzeilen abfeuern würden, sich aber nicht aktiv zu vernetzen verstünden. Doch auch dieses Argument stimmt so nicht. Natürlich ist nicht jeder Redakteur gleichermaßen gut vernetzt. Aber es gibt viele Holger Schmidts und Frank Schmiechens in der Branche, und man könnte gut einmal eine Forschungseinrichtung bitten, durchzuzählen, wie wie Tweets und Posts täglich von Zeitungs- und Zeitschriftenredakteuren kommen im Vergleich zu digitalen Äußerungen von Netzapologeten. Ich kenne die Zahlen nicht, vermute aber, dass der Vergleich Ihre These zertrümmern würde.
      Natürlich können wir alle noch viel besser werden. Unterschreiben würde ich zum Beispiel folgende These sofort: Medien sollten ihre Leute noch stärker ermuntern, sich zu vernetzten. Richtig! Das stimmt ohne Frage. Ganz falsch aber sind Ihre Superlative. Warum schreiben Sie immer in Superlativen? Da Sie ja ununterbrochen Ermunterungen an andere Leute absetzen, möchte ich mir meinerseits die Freiheit nehmen, eine Ermunterung ins Gespräch zu bringen: Bitte öfter mal Gradierungen herausarbeiten als Extreme postulieren.

       
       
      • Herr Keese, was ziehen Sie denn da für Vergleiche?

        Sie vergleichen allen Ernstes eine Hobbyveranstaltung wie die Indiskretion mit den Leistungen Ihrer Redaktion? An Stelle Ihrer Redakteure wäre ich jetzt ein Stück weit beleidigt.

        Ich jedenfalls würde niemals meine Zahlen mit denen einer Vollredaktion vergleichen. Lustig aber ist doch, dass Ihnen meine Reaktion trotz meiner tiefen Unbedeutsamkeit (die ich übrigens ernsthaft nie bestreiten würde) so wichtig ist, dass sie auf meinen Blogpost reagieren und die Tatsache, dass ich einen Kommentar hier schreibe über Twitter feiern.

        Die Sistrix-Zahlen belegen schlicht und ergreifend – bitte lesen Sie genau nochmal in meinem Blogpost – was ich schrieb. Redaktionen nutzen das Social Web als Linkschleuder. Und das ist derzeit auch genug. Die Frage aber ist: Könnte ihre Bedeutung und ihre Recherchequalität durch mehr Qualität steigen? Dies ist meine These und Sie selbst, Herr Keese, wissen dass dem so sein kann. Schließlich ist Ihnen vor einiger Zeit erst durch Kommentare hier aufgefallen, dass Sie nonchalant die Aufhebung aller Privatsphäre bei Facebook gefordert haben. Auch hier wurde die Leistung des Autors durch Reaktion der Leser verbessert.

        Womit wir dann bei den Redaktionen wären. Es ist schlicht so, dass nur ein Bruchteil der deutschen Redakteure aktiv Social Media nutzt. Und das unterscheidet sie von ihren Gegenstücken in UK und USA. Dort beobachte ich einen höheren Prozentsatz. Vor allem: Dort sehe ich mehr journalistische Führungskräfte, die die Möglichkeiten dieses Feldes ausloten.

         
         
        • Christoph Keese

          So, wie Sie jetzt schreiben, kann ich Ihnen in vielen Punkten zustimmen. Ja, Redaktionen können und sollten sich noch stärker in den sozialen Medien engagieren, aber richtig ist auch, dass einige dies schon tun. Richtig ist, dass ein Abstand zu USA und UK besteht.

          Der Vergleich mit dem SPIEGEL ist übrigens nicht ganz unfair. Der SPIEGEL ist 300x stärker bei Facebook eingebunden als Indiskretion Ehrensache, aber er hat nicht viel mehr als 300 Mitarbeiter. Somit ist die Verknüpfung pro Mitarbeiter etwa gleich hoch wie bei Ihnen. Das ist kein Maß für die Aktivität der Redakteure bei Facebook, aber doch ein Indiz für die Relevanz in Netzwerken.

           
           
  5. “Offenbar gibt es noch immer Journalisten, die ihre Augen davor verschließen, dass Online-Inhalte massiv gewerblich kopiert werden.”

    Journalist bin ich zwar keiner, aber dennoch stimme ich ihnen beim Thema “massiv gewerbliche Kopien” zu. Und diese eben auch in ihrem Haus gemacht oder wollen Sie davor noch immer ihre Augen verschließen?

     
     

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